Vorweg: Das hier ist ein reines Gedankenspiel. Seit dem 26. September 2026 ist München zwar offiziell der deutsche Kandidat für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044, der DOSB hat sich mit 91 zu 50 Stimmen gegen Köln-Rhein-Ruhr entschieden. Ob München im internationalen Wettbewerb tatsächlich zum Zug kommt, entscheidet das IOC frühestens 2029, und die Spiele selbst liegen mindestens zehn Jahre entfernt. Trotzdem lohnt ein Blick auf die Frage: Was würden Spiele für den Tourismus in München bedeuten? London 2012 und Paris 2024 liefern belastbare Zahlen, und die sind ernüchternder, als die Euphorie vermuten lässt.
London 2012: weniger Gäste, mehr Umsatz
Im August 2012 zählte das britische Statistikamt ONS drei Millionen Auslandsbesuche, fünf Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Ausgaben der Gäste stiegen um neun Prozent, allerdings inklusive Olympia-Tickets. Rund 590.000 Menschen reisten im Juli und August wegen der Spiele an. Die Sehenswürdigkeiten spürten den Verdrängungseffekt hart: Das British Museum verlor 25 Prozent Besucher, der Tower of London 29 Prozent, Hampton Court 30 Prozent. Wer Olympia sieht, geht nicht ins Museum. Wer keine Tickets hat, meidet die Stadt. Der Aufschwung kam erst 2013, einem Rekordjahr für Londons internationalen Tourismus.
Paris 2024: kurzer Peak, langer Anlauf
Paris zeigt dasselbe Muster. Laut INSEE brachen die Übernachtungen in der Île-de-France im Juni um 11,5 und im Juli um 13 Prozent ein, weil reguläre Reisende die Stadt mieden. Während der Spiele lag die Hotelauslastung rund zehn Prozentpunkte über dem Vorjahr, fiel aber am Tag der Schlussfeier auf 67 Prozent. Über die Sommersaison blieb ein Minus von 6 Prozent. Die Gastronomieverbände UMIH und GHR meldeten einen Umsatzrückgang von 30 Prozent, am Trocadéro wegen der Sicherheitszonen 70 Prozent weniger Gäste. Der Louvre verlor während der Spiele 22 Prozent seiner Besucher. Wer kam, gab mehr aus: 194 statt 159 Euro pro Nacht. 2025 folgte der Nachhall mit 89,7 Millionen Übernachtungen, plus 8,2 Prozent und ein Allzeithoch ähnlich wie in London.
Die Zeit nach dem Zuschlag
Zwischen Zuschlag und Eröffnungsfeier lagen bei beiden Städten rund sieben Jahre Bauzeit. London investierte in dieser Zeit rund 8,77 Milliarden Pfund in den Olympic Park in Stratford und neue Bahnstrecken, begleitet vom Team-London-Ambassador-Programm, das Besucher an zentralen Orten empfing und bis heute weiterläuft. Paris ging denselben Weg: Allein das Organisationsbudget wuchs von 3,3 auf 4,4 Milliarden Euro, dazu kam ein milliardenschweres Olympisches Dorf im bis dahin wenig touristischen Saint-Denis.
Was München daraus ableiten könnte
Die Spiele selbst wären für Guides und Stadtführer kein Goldrausch. Olympiagäste kommen für Wettkämpfe, nicht für Stadtrundgänge, und Sperrzonen machen oft beliebte Routen unbrauchbar. Der größte „Schaden“ entsteht im Vorfeld, wenn Stammpublikum wegen erwarteter Preise und Menschenmassen ausbleibt. Die eigentliche Chance liegt im Jahr danach, wenn weltweite Aufmerksamkeit in echte Reisen umschlägt. Sollte es so weit kommen, hieße das: Formate für Gäste ohne Ticket entwickeln, Touren abseits der Sportstätten planen und das Jahr nach den Spielen von Anfang an mitdenken.